Folge 2.06
Logan und Lucy sahen sich still schweigend an und jeder wartete darauf, dass der andere etwas sagte. Doch es blieb still und nur nicht Unsicherheit, sondern Angst kam in ihnen auf. Sie musste wissen, was er erfahren hatte. Sie musste herausfinden, ob er ihr Geheimnis kannte. Sie wollte alles wissen, so wie er. Die Angst in den Augen seiner kleinen Krankenschwester machte ihn krank. Logan sah sie nur an und wusste, dass alles was er sagen könnte, sie entweder einander näher bringt oder sie für immer voneinander entfernt. So blieb ihm jedes Wort im Halse stecken. Er hatte etwas über sie herausfinden wollen, hatte sie besser kennen lernen wollen. Doch nun war er verwirrter als zuvor, denn sie wollte nicht nur selber nichts erzählen, sondern ließ auch nicht zu, dass jemand nach ihrer Vergangenheit suchte. Sie hatte mit all dem abgeschlossen oder es zumindest versucht und niemand sollte es je herausfinden. Es war ihr Geheimnis, ihr Schicksal, alles was sie zu dem macht, was sie war und immer sein wird…
In der Küche saßen Bobby und Max und redeten darüber, warum sie nicht schlafen konnten. Max hatte die ganze Zeit an Lucy denken müssen. Ihr Lächeln ließ sein Herz höher schlagen und ihre Tränen waren wie ein Stich darin. Wie konnte er ihr nur sagen, was er für sie empfand. Wusste sie es bereits? Fühlte sie das gleiche? Warum war sie nur wenige Stunden panisch vor ihm weggelaufen? Er hatte ihr nur helfen wollen, aber das ließ sie nicht zu, so wie immer. Sie war selbstständig und wollte keine Hilfe. Sie glaubte daran, alles alleine zu schaffen und aus Max Ansicht war sie in Gefahr eines Tages auch wirklich allein zu sein. Einsam und ohne jemanden, der sich um sie kümmerte und für sie da war. Er wollte sie vor diesem Schicksal bewahren. Max wollte der Eine sein, der den Rest ihres Lebens mit ihr verbringen würde. Doch würde sie das wollen, es überhaupt zulassen? Ohne würde sie wieder weglaufen wie vor jedem anderen Problem, vor das sie gestellt wurde…
Bobby konnte seinem Kumpel diese Fragen nicht beantworten, denn ihn quälten ähnliche Sorgen. Bobby und Max merkten zum ersten Mal, wie viel Rogue und Lucy gemeinsam hatten und damit auch ihre Gefühle und Beziehungen zu den Mädchen. Max und Bobby standen vor den gleichen Problemen und stellten sich jeden Tag dieselben Fragen. Sie konnten sich nie sicher sein, ob Lucy und Rogue nicht irgendwann alles hinter sich lassen würden. Ihre Fähigkeiten und ihre Angst standen den Zweien immer im Weg und es schien so, als ob selbst die Liebe von Bobby und Max ihnen keinen Halt, keine Sicherheit geben könnte… Max wusste, dass Bobby alles für seine Rogue tun würde, doch musste dieser seine Liebste jeden Tag aufs Neue davon überzeugen. Dadurch wurde ihre Beziehung nicht einfacher, aber Bobby war nach jeder Auseinandersetzung für eine Weile beruhigter. – Doch das, was ihm jetzt auf dem Herzen lag, war schlimmer als alles andere zuvor…
Logan merkte, dass Lucy immer nervöser wurde, weshalb er einen Entschluss fasste. Er wusste, dass das Büro des Direktors leer war und so zog er Lucy an ihrem Arm mit sich. Sie versuchte sich zu wehren, doch sie hatte keine Chance und musste ihm folgen. Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ er sie los und spürte ihre Wut in seinem Gesicht. Sie hatte ihm eine deftige Ohrfeige gegeben und stand nun schnell atmend und mit funkelnden Augen vor ihm. Sie wollte nichts außer der Wahrheit von ihm hören und es gab keine Möglichkeit mehr auszuweichen, für keinen von ihnen. Logan ging auf das Fenster zu. Er wusste, dort in der Ferne lag das Grab von Lydia Susan Xavier und ein zweiter Grabstein direkt daneben von einem kleinen Jungen namens Rodney…
Er musste sich nicht umdrehen, um mit Lucy zu reden, sondern sprach seine Gedanken einfach aus: „Ja, ich war da… ich wollte wissen, was mit dir los ist, worüber du die ganze Zeit nachdenkst… aber es ist mir nicht klar geworden. Dort stehen nur zwei Grabsteine und keiner scheint etwas mit dir zu tun zu haben… Lydia Susan Xavier… Rodney Charles Xavier… der Professor wird sie hier begraben haben, sie hören zu seiner Familie… Aber was ist mit dir?…“
Jetzt erst drehte sich Logan wieder zu Lucy um, die sich auf das Sofa sinken ließ. Ihr Kopf sank tiefer und ihre Augen füllten sich mit Tränen, die eine nach der anderen über ihre Wangen liefen. Nun wusste sie, dass er nichts wusste und fühlte sich grauenhaft. Er würde Fragen stellen, würde wissen wollen, was so wichtig für sie wäre bei diesen Gräbern zu sein. Sie hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Sie war selbst in eine Falle geraten und wusste nun nicht mehr, wie sie herauskommen sollte. Was hätte sie ihm schon antworten sollen? Die Wahrheit, ja, das wäre ehrlich gewesen, aber würde es nicht alles schlimmer machen? Wenn sie selbst Max, ihrem besten Freund, nicht vertrauen konnte, wie dann ihm? Sie kannte Logan nicht, er kannte sich nicht einmal selber… genau so wie Lucy sich nicht kannte und nicht kennen wollte. Sie hatten also etwas gemeinsam und das ließ sie aufatmen. Schweren Herzens fasste sie einen Entschluss, der alles verändern sollte…
In der Zwischenzeit ließ sich Professor Charles Xavier von Scott zum Gefängnis von Eric Lehnsherr bringen. Während Scott vor der Zelle wartete, wurde der Rollstuhl des Professors von einem Wachmann hinein gefahren. Es war ein kühles Wiedersehen, aber Charles war auch nicht gekommen, um über alte Zeiten zu reden. Er wollte nur Informationen über den Angriff und die Gewissheit darüber, ob sein alter Freund mit daran beteiligt war oder eben nicht. Aber Eric schien dem Thema immer wieder ausweichen zu wollen und versuchte stattdessen selbst an Informationen heranzukommen: „Wie geht es ihr, Charles? Behandelst du sie gut… oder bist du nicht mehr Teil ihres Lebens? Was ich verstehen könnte, nach allem was passiert ist…“
Der Professor tat so, als hätte er nichts gehört und besteht darauf, über den Angriff zu sprechen. Doch Eric wusste nur das, was die Wachmänner untereinander besprachen und was Stryker ihm bei seinen Besuchen erzählte. Als der Professor den Namen des Cornell hörte, ahnte er nichts Gutes. Erinnerungen kamen wieder zurück, Erinnerungen, die längst der Vergangenheit angehörten. Denn er kannte William Stryker, dessen Sohn ein Mutant war und den Charles heilen sollte. Stryker wollte niemals einsehen, dass Mutationen keine Krankheiten sind und kein Mutant den Menschen etwas Böses will. Sie wollten alle immer nur Leben. Ein Leben, das ihnen von Stryker erschwert wurde…
Charles wollte wissen, wann William bei Eric war und was er von ihm wollte. Doch der Mutant lächelte nur finster und stellte seinem alten Freund eine Frage, die ihn verunsicherte: „Hasst sie dich noch immer, Charles?“
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Max hörte Bobby interessiert zu, als dieser im die Geschichte erzählte, warum er hier war. Seine Eltern hatten ihn hierher geschickt, weil sie dachten es sei eine außerordentlich gute Privatschule. Sie wussten nichts von seinem Geheimnis. Im Gegensatz zu Max´ Eltern, die gelernt hatten, mit den Fähigkeiten ihres Sohnes zu leben. Sie waren zwar zunächst verängstigt, doch da Max durch seine Kraft seinem Vater das Leben retten konnte, wussten sie, dass sie sich keine Sorgen mehr um ihren Sohn machen mussten. Ihr Verhältnis war seit diesem Tag sehr eng und beinahe nicht zu zerstören, davon war Max überzeugt. Mit seinen Erzählungen machte er seinen Kumpel jedoch nachdenklich. Bobby hatte sich immer gewünscht, seinen Eltern die Wahrheit sagen zu können, aber es war nicht so leicht. Es gab nie eine passende Gelegenheit, nie die passende Erklärung, nichts das ihm weiterhelfen konnte. Er war nur davon überzeugt, dass sie Angst haben würden, Angst um ihn und auch vor ihm und das hätte er niemals ertragen können.
Um aber nicht länger darüber nachdenken zu müssen, was passiert wäre, schüttelt er den Kopf und redet mit Max über Rogue und Lucy: „Ich weiß nicht, ob es dir auch schon aufgefallen ist… aber jetzt, wo Lucy und du euch wieder so gut versteht, ist Rogue ganz seltsam geworden. Sie akzeptiert Lucy nicht und will sie nicht in ihrer Nähe haben, es ist als würde sie ihr Angst machen… Max, ich weiß nicht, was ich Rogue sagen soll. Sie kann doch nicht erwarten, dass ich Lucy schlecht behandle, schließlich hat sie mir gar nichts getan.“
Max konnte nicht glauben, was Bobby ihm erzählte. Rogue war doch auch seine Freundin. Sie wusste, dass Max Lucy liebte, also warum wollte sie sein Glück zerstören?
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Charles schlug Eric einen Deal vor. Wenn er ihm alles über Stryker und ihre Unterhaltungen erzählte, dann würde er auch mit ihm über Truth reden, aber auch nur dann. Eric lächelte zufrieden und sagte seinem Freund, dass er William Stryker alles erzählt hatte, was er wusste. Er konnte gar nichts dagegen tun, es sprudelte einfach so aus ihm heraus: „Nur über deine Kleine… Truth ist unser Geheimnis… und nun sag mir, wie geht es ihr?“
Das Gesicht des Professors wurde ganz blass und kein Wort kam mehr über seine Lippen. Stryker wusste alles, er würde die Schule angreifen und er konnte sie nicht warnen. Oder doch? Ja, Lucy, sie musste ihm zuhören. Sie musste Logan alles sagen und die Schüler in Sicherheit bringen. Es war ihm egal, was er Eric versprochen hatte. Jetzt ging es nur noch darum, so viele wie möglich zu retten.
In der Schule ahnte aber noch niemand etwas von der Gefahr, die auf sie zukam. Lucy und Logan saßen im Büro des Professors und er hörte ihr zu, während sie ihm ihr Geheimnis anvertraute: „Es ist nicht einfach für mich, dir das zu erzählen… ich habe es bisher noch niemandem gesagt. Nur der Professor weiß alles… ich war noch so klein… ich wusste es doch nicht… ich hab das alles gar nicht gewollt. Ich wollte eine Familie, ich wollte glücklich sein… aber ich war anders, ich war wie sie und doch anders als alle anderen… eine Familie von Mutanten, jeder einzelne… ich bin allein, Logan… ich hab nur noch Dad… ich…“
Logan nahm Lucy in die Arme. Sie brauchte nicht weiterzureden, denn nun war alles klar.
Charles Xavier – Lydia Xavier – Rodney Xavier – Lucy… Xavier
Eine Familie von Mutanten und sie gehörte dazu. Ihre Mutter und ihr Bruder waren dort draußen im Garten begraben. Ihre ganze Vergangenheit war dort draußen in einem Meer aus Blumen. Sie hatten hier neu anfangen wollen und dann war es für alle ein Ende. Ein Alptraum, aus dem man nicht mehr aufwachen konnte. Aber sie wollte nicht mehr wie in Trance sein, seine Kleine wollte leben. Sie wollte alles vergessen und nun konnte er es verstehen. Bei so viel Leid und Schmerz, würde er es auch nicht hier aushalten. Aber nun war sie nicht mehr allein, nun konnte er ihr helfen. Sie würde leben können, sie würden beide neu anfangen. Logan wollte daran glauben, dass alles gut werden würde, aber dann spürte er etwas. Seine Hand brannte, es war wie Feuer und auch Lucy schrie in seinen Armen auf. Die Schmerzen waren wieder da, alles was sie vergessen wollte, schoss nun durch ihren Kopf. Es war wieder da und es würde nicht aufhören. Sie fühlte sich zerrissen von Vergangenheit und Gegenwart, von den Schmerzen, von dem Feuer auf ihrer Haut. Ihre Hände begannen zu zittern, aber sie schaffte es nicht, sich zu befreien. Sie musste ihm wehtun, sonst würde es sich wiederholen. Sie konnte dieses Risiko nicht eingehen und versuchte den Schmerz zu überwinden. Langsam begann sie um sich zu schlagen, bis er sie losließ und erschrocken ihr Gesicht sehen konnte. Ihre linke Wange war verbrannt, genauso wie seine linke Hand. Als er aber auf diese hinunter sah, lief Lucy weg und er konnte sie nicht aufhalten.
