Folge 2.08

Mein Kind der Mutant

 

 

In einer heruntergekommenen Kneipe saß der Wachmann von Eric Lehnsherr. Endlich war Feierabend und er konnte sich selbst die Kante geben. Ein Bier nach dem anderen, ohne zählen zu müssen. Es war alles egal. Er wollte nur diesen seltsamen Tag vergessen. So wie immer, denn das wirkliche Leben zog so an ihm vorbei. Er hatte keine Familie. Nie Glück gehabt, sondern immer nur alles verloren. Dieser lächerliche Mutant hielt ihm das jeden Tag vor Augen, nur um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Der Wachmann konnte ihn schon nicht mehr sehen, wollte nichts mehr über Mutanten hören. Warum war er nicht Wärter im Staatsgefängnis geblieben? Was hatte ihm dieser Stryker schon geboten? Ja, mehr Geld, aber war es das jetzt wirklich wert? Im Gefängnis wusste er wenigstens was ihn erwartete. Doch bei diesem Magneto konnte er nur das Ungewisse erwarten und das war so gut wie nichts. Angeblich sollte dieser Mutant über irgendwelche sensationellen Fähigkeiten verfügen. Nur wieso wendete er diese niemals an, um sich vielleicht zu befreien? Der Wachmann selber würde keinen Moment zögern, wenn er auch solche Kräfte hätte. Er würde in die nächste Bank gehen und diese ausrauben. Aus Angst vor seinen Fähigkeiten würde ihm keiner folgen und er könnte ganz neu anfangen. Er würde wahrscheinlich Frauen ins Bett bekommen wie die hübsche am Tresen. Die Blondine saß dort mit zwei großen Bieren und als sie seine Blicke bemerkte, kam sie einfach rüber. Sie setzte ihm eins der großen Gläser vor und wollte anstoßen. Auf was war ihr egal. Um hier zu sein, musste sie eh schon ganz abgebrannt sein. Sie stellte keine Ansprüche mehr. Die Männer wollten sowieso alle nur das eine und warum sollte sie das nicht ausnutzen. Das Dickerchen vor ihr würde ihr den Abend schon versüßen, bevor sie wieder alleine in ihrem Bett liegen musste. Sie wusste, dass er sie mit seinen Blicken auszog und die gleichen Gedanken hatte. Doch waren es wirklich ihre? Stellte sie sich nicht vielmehr vor, was ihm gefallen würde? Ihn scharf machen und dann… Einfach fallen lassen, denn er würde nach den zwei Schlaftabletten in seinem Bier auch nichts mehr tun können. Auf der Toilette würden sie alleine sein und er konnte hier seinen Rausch ausschlafen. Vielleicht glaubte er nach dem Aufwachen wirklich, dass er eine heiße Nacht hinter sich hatte. Doch sie wusste es besser, denn es lief alles nach Plan. Als er die Augen geschlossen hatte und anfing zu schnarchen, verwandelte sich Mystique wieder in ihr eigentliches Ich. Die blaue Haut und die gelben Augen gefielen ihr immer noch mehr als jede Kleidung. Das war sie nun einmal, ein Mutant und Magneto würde sie herzlich willkommen heißen in seiner Gemeinschaft, wenn er erst einmal aus seinem Gefängnis ausgebrochen war. Genau dies wollte sie ihm ermöglichen und zog deshalb eine Spritze aus der Jacke, die sie eben noch angehabt hatte. Sie stach damit in den Arm des Wachmannes und injektierte ihm das flüssige Metall direkt unter die Haut…

 

Logan hielt an, damit die sechs Flüchtlinge etwas essen konnten. Sie wussten noch immer nicht, wohin sie eigentlich gehen sollten. Der Professor hatte sie nie auf so einen Ernstfall vorbereitet. Nun saßen sie jedoch mittendrin und kannten keinen Ausweg. Ihnen war nur klar, dass sie Stryker und seinen Männern nicht in die Hände fallen durften. Sie mussten jetzt zusammenhalten und auf sich und die anderen vertrauen können. Wenn es zum Bruch zwischen ihnen kam, würde keiner von ihnen überleben. Sie waren nur gemeinsam stark und deshalb schaute John in die Runde: „Wenn wir gegen sie kämpfen müssen, dann sollten wir auch wissen welche Stärken wir alle haben. Also, ich hab das Feuer unter Kontrolle. Rogue kann die anderen Schwächen, im Ernstfall sogar töten, was uns wirklich nützlich sein wird. Bobby… halt das Eis… Mal sehen, ob du sie vielleicht einfrieren kannst… Max nützt uns nichts, der kann nur schnell laufen, aber Logan … Wow, deine Krallen werden die schon zurechtrücken… Nur du Lucy… was kannst du eigentlich?…“

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Erst wollten die anderen Mutanten protestieren. Doch als John Lucy ansprach, verstummten sie alle. Denn er hatte Recht. Wenn sie sich vertrauen sollten, dann musste Lucy ehrlich zu ihnen sein. Es reichte nicht mehr zu sagen, dass keiner sie verstehen würde. Wenn sie nicht darüber sprechen konnte, dann brachte sie ihre Freunde in Gefahr. Sie musste die Wahrheit sagen. Schweigen würde keinen weiterbringen und keiner von den anderen würde es akzeptieren. Lucy musste der bitteren Wahrheit ins Auge sehen, auch wenn es schmerzhaft war. Es gab keinen Ausweg, nicht bevor Logan einschritt und die Kleine in Schutz nahm: „Wenn Lucy nicht über ihre Fähigkeiten reden will, dann ist das ihre Sache… Jetzt lasst sie in Ruhe, damit wir weiterfahren können.“

Logan gefiel der Gedanke nicht mit den Jugendlichen gegen eine Armee von Soldaten zu kämpfen. Dieser John war ihm nicht ganz geheuer, er wollte scheinbar seine Fähigkeiten unbedingt testen ohne Rücksicht auf Verluste. Der Junge schien den Ernst der Lage nicht zu sehen, für ihn war das alles nur ein Spiel. Nur bedachte er nicht, dass Logan hier die Regeln für ihre kleine Gruppe aufstellte. Er ließ die Fünf also wieder in den Wagen steigen und dann fuhren sie schweigend weiter. Keiner schien davon begeistert zu sein, dass Logan sich auf Lucys Seite gestellt hatte. Selbst Max war enttäuscht von seiner Freundin, auch wenn er sich für diese Gedanken schämte. Einerseits wollte er die Wahrheit wissen, doch andererseits wollte er ihr ohne wenn und aber vertrauen. Nur konnte er das wirklich oder war Lucys Geheimnis mittlerweile zu groß? Konnte sie eigentlich noch den Weg in ein normales Leben finden? Hatte sie Logans Einmischung nicht noch mehr zum Außenseiter werden lassen? Ihr Kopf tat so weh von den ganzen Fragen, von den ganzen Lügen, die ihr Leben beherrschten. Sie wollte es beenden. Sie wollte, dass es aufhörte und griff Logan ins Lenkrad…

 

Professor Charles Xavier wusste nicht, was passiert war. Gerade eben noch hatte er im Gefängnis von Eric Lehnsherr versucht seine Tochter zu warnen. Doch dann strömte so ein seltsamer Geruch in die Plastikzelle. Ihm wurde ganz schwarz vor Augen und nun war er hier. Doch wo war hier? Ein dunkler Raum und diese ewigen Kopfschmerzen. Er saß noch in seinem Rollstuhl, aber das hier war nicht mehr das Gefängnis. Auch Eric schien nicht hier zu sein. Er war ganz allein. Jemand musste ihn finden und hier rausholen. Seine Kleine, Truth musste auf ihn hören. Er schloss seine Augen, doch dann bekam er einen Stromschlag. Da war etwas auf seinem Kopf, etwas das seine Fähigkeit einschränkte. Genau das was jemand offenbar für sehr witzig hielt. Charles hörte dieses zufriedene Lachen. Es war finster und diabolisch. William Stryker trat aus dem Schatten auf ihn zu und strahlte übers ganze Gesicht. Der Cornell triumphierte über seinen gelungenen Plan: „Ich hoffe, dass ist ihnen eine Lehre, Professor Xavier. Sie werden keine Gedanken mehr manipulieren. Alle ihre Mutanten können so weit laufen wie sie wollen. Sie können versuchen sich zu verstecken, doch finden werde ich sie alle… Jeder einzelne wird büßen für seine Vergehen.“

Der Professor wusste, dass Stryker dies alles nur tat, um ihm weh zu tun. Charles hatte seinem Sohn nicht so helfen können, wie William es von ihm verlangt hatte. Jason Stryker sollte von seiner Mutation befreit werden. Es sollte wie eine Krankheit einfach geheilt werden. William Stryker hatte nie verstanden, was es bedeutet ein Mutant zu sein. Er hat sich einfach alle Mutanten zum Feind erklärt und einen Krieg gegen sie angefangen. Alle sollten vernichtet werden und der Professor würde einfach zusehen müssen. Die Hilfeschreie mochte er hören können, doch trotzdem blieb er machtlos. Die Todesschreie sollten ihn aus dem Schlaf reißen und nie wieder schlafen lassen. Bis er irgendwann der Letzte sein würde und Stryker ihn wie ein Insekt zerquetschen wollte. Seine Rache erfüllte sein ganzes Leben, was beängstigend war. Er hatte dies alles geplant, seit dem Tag, als sein Jason nach Hause gekommen war: „Mein Sohn hat von ihnen gelernt, dass seine Eltern an allem Schuld sind. Er hat uns in den Wahnsinn treiben wollen. Er hat uns diese Bilder in den Kopf gesetzt… meine Frau hat Schlaftabletten genommen, um das alles nicht mehr sehen zu müssen… Sie haben Jason zu einem Monster gemacht… sie haben ihn getötet…“

 

Logan versuchte den Wagen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Mit Lucys Aktion hatte er wirklich nicht rechnen können. Was hatte die Kleine sich nur dabei gedacht? Lucy hätte sie alle umbringen können. Doch als er den Wagen zum Stehen gebracht hatte, vergaß er seine Vorwürfe ihr gegenüber. In ihren Augen konnte er die Angst sehen, die sie hatte. Er schluckte den Ärger hinunter und wollte sie trösten. Aber sie drehte sich um, so dass sie die anderen Vier auf der Rückbank sehen könnte. Alle sahen sie geschockt an, nur Johns Augen funkelten vor Zorn. Am liebsten wäre er der Mutantin an die Gurgel gegangen. Lucy fixierte ihn darum und atmete einmal tief durch, bevor sie es ihnen sagte: „Ich wäre euch im Kampf gar keine Hilfe… ich höre Stimmen… sie sagen mir, was passiert… der Professor hat mir gesagt, dass diese Soldaten kommen werden, aber da war es schon zu spät… ich kann… ich werde keinen von diesen Kerlen umbringen, das wird keiner von uns tun. Du weißt doch gar nicht, was das bedeutet. John, sei ehrlich… hast du jemals einen Menschen getötet?“

Max und Bobby waren ganz still, während Rogue zwischen ihnen kreide bleich wurde. Sie erinnerte sich an ihren ersten Freund. Sie hatte ihn niemals töten wollen. Sie hatte doch nicht gewusst, was sie konnte. Aber jetzt wusste sie es und Lucy hatte Recht. Keiner von ihnen war in der Lage jemanden zu töten. Nur Logan könnte sie beschützen, während sie selber alle nur weglaufen würden. Aber sah John das genau so… der Mutant starrte Lucy noch immer finster an. Ihre Worte hatten ihn nicht besänftigt, sondern nur noch weiter aufgewiegelt. Ihr Schritt in Richtung Wahrheit war für ihn gar nichts. Stimmen hören, ja, das konnten Geisteskranke auch. Das war nichts besonders, vielleicht war Lucy nicht einmal ein Mutant. Der Professor hatte ihr Asyl erteilt und deswegen saß sie nun hier. Im Kampf würde sie einfach sterben und helfen würde er so einem Nichts nicht. Sollte sie doch sehen, wo sie blieb, wenn auf sie geschossen wurde.

Lucy konnte Johns Gedanken in ihrem Kopf hören und drehte sich wieder um. Das hatte es also gebracht. Nichts hatte sich wirklich gebessert, nur noch weiter verschlechtert. Sie hoffte nur, dass sie irgendwann einen Ort finden würden, wo sie eine Weile in Sicherheit waren. Vielleicht würde John dann auf andere Gedanken kommen und Logan auch. Denn der Mutant fuhr zwar weiter, doch er machte sich auch Sorgen. Er wusste, dass die Kleine nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Das war vielleicht auch besser, denn das, was sie könnte, machte selbst ihm Angst. Das Brennen… dieser Schmerz von Feuer…

 

Entsetzt sah der Professor William Stryker an. Charles hatte niemanden getötet, dass war er sich ganz sicher. Doch was war mit Jason passiert? Hatte er dem Jungen zu viel erzählt? Jason kannte Rodney und Lucy. So oft hat er mit Happy gespielt, sie waren gute Freunde. Sie mussten sich nicht voreinander verstecken. Sie konnten einfach zusammen spielen, ohne Angst zu haben einander zu erschrecken… Jason hatte sich wohl gefühlt. Es war, als hätte der Junge eine Familie gefunden, die ihn so liebte wie er war. Hat er seine Eltern deshalb gehasst? Haben sie ihren Sohn nicht geliebt? Haben sie ihm Vorwürfe gemacht, weil er angeblich krank war? Oder lag es an Happy… War sein Tod, die Ursache für Jasons Veränderung?… Wieder dieser Stromschlag… Stryker wollte wirklich verhindern, dass der Professor auch nur nachdenken konnte. Sich überlegen konnte, wie er hier rauskommen sollte. Doch William Stryker hatte noch einen Joker im Ärmel. Er schickte seine Angestellte los, in der Charles eine Mutantin erkannte. Der Cornell hatte sie irgendwie dazu gezwungen, dass sie ihm gehorchte. Sie hatte eine kleine Verbrennung an ihrem Hals. Das hatte Charles schon einmal gesehen… bei Eric… Stryker spritzte ihnen also irgendetwas, dass sie willenlos machte. Als er darüber nachdenken wollte, um was es sich dabei wohl handeln könnte, bemerkt Stryker das Interesse des Professors: „Sie haben es also gesehen, ja?… Wissen Sie, Professor Xavier, Mutant 289 hat nicht viele Vorzüge, doch durch ihn gelange ich an ein besonders Mittel. Auf einmal hören diese verdammten Mutanten auf mich und tun alles, was ich ihnen sage… Bei Ihnen wird das aber nichts bringen, nicht wahr… Sie sind viel zu mächtig dafür…“

Stryker unterbrach sich selber, als seine Mutantin einen Rollstuhl in den Raum schob. Den Professor packte die Angst, als er den Mutanten 289 sah… JASON STRYKER…

 

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